Der Tag beginnt mit einem Blick aufs Display, und schon sind dreißig Sekunden vergangen, in denen das Gehirn sieben Themen gestreift hat. Nachrichten, Wetter, eine Werbung, ein Reel, eine Mail. Bevor der erste Kaffee getrunken ist, hat der Kopf bereits eine kleine Schicht hinter sich. Die Erschöpfung, die viele heute beschreiben, ist selten dramatisch. Sie ist leise, kontinuierlich, schwer zu greifen. Und sie wächst in einer Gesellschaft, die Geschwindigkeit als Tugend behandelt und Stille mit Stillstand verwechselt.
Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Miriam Junge beobachtet das Phänomen seit Jahren in ihrer Praxis. Was früher Symptom akuter Krisen war, ist heute Grundrauschen: das Gefühl, nicht hinterherzukommen, obwohl man permanent in Bewegung ist. Paradox daran sei, dass es nie ein größeres Angebot zur Selbstregulation gegeben habe – und gerade dieses Angebot zur nächsten Belastung werde.
Wenn Selbstfürsorge zur Aufgabe wird
Wer sich heute um sich selbst kümmern will, hat die Wahl zwischen Apps, Atemübungen, Coachings, Trackern, Retreats. Das Versprechen ist immer ähnlich: weniger Stress, mehr Klarheit. Doch das Überangebot erzeugt eine eigene Form von Druck. Wer sich abgrenzt, früher geht, langsamer macht, gerät schnell in den Verdacht, nicht voll dabei zu sein.
Diese Option, ja was dafür machen zu können, was ja wieder Stress bedeutet, weil man so ein Überangebot hat an Möglichkeiten und sich vielleicht dann durch sich selbst wieder unter Druck setzt, dass man das auch nicht geschafft hat.
Hinzu kommt die Logik der digitalen Reize. Kurzfristig wirkt Scrollen beruhigend, weil es Dopamin freisetzt. Langfristig führt es in einen Zustand, den Junge als Verschleißerschöpfung bezeichnet. Das Gehirn ist auf diese Reizmenge nicht vorbereitet. Es lernt, Pausen mit Ablenkung zu füllen, und verlernt dabei, Pausen überhaupt auszuhalten. Wer dann doch innehält, trifft auf etwas, das in einer Leistungsgesellschaft kaum vorgesehen ist: Langeweile, Leere, manchmal auch unangenehme Gefühle, die unter dem Tempo lange begraben waren.
Der Ball unter Wasser
Junge nutzt ein Bild, um diesen Mechanismus zu beschreiben. Verdrängte Gefühle und Glaubenssätze – nicht genug zu sein, zu viel zu sein, keine Pause zu verdienen – sammeln sich wie Luft in einem Ball, den man unter Wasser drückt. Je länger man drückt, desto kraftraubender wird das Halten. Irgendwann reicht ein kleiner Anlass, und der Ball schießt nach oben. Was dann auftaucht, hat oft längst einen klinischen Namen: Schlafstörung, Angst, Burnout, Depression.
Die Logik dahinter ist banal und folgenreich zugleich. Das verdrängte Gefühl wird nicht kleiner, weil man es ignoriert. Es wartet. Wer dem Ball regelmäßig kleine Ventile öffnet, drei Minuten Atmen am Tag, ein Notizbuch, ein Spaziergang ohne Telefon, hält ihn auf einer handhabbaren Größe. Das ist keine Therapie, aber Prävention. Und sie funktioniert nicht, weil sie spektakulär wäre, sondern weil sie regelmäßig stattfindet.
Die Bewegung hin zu sich selbst sei dabei kein Zustand, der sich erreichen und abhaken ließe. Sie gleiche eher dem Trainieren eines Muskels: Wer zwei Wochen aussetzt, beginnt nicht von vorne, aber merkt den Unterschied. Genau deshalb misstraut Junge großen Vorsätzen. Wirksamer sei das, was sie Micro Habits nennt – kleine Schritte, die unter der Schwelle des inneren Widerstands liegen. Ein Wecker, der fünfmal am Tag erinnert, einzuchecken. Eine Frage: Was denke ich, was fühle ich, was brauche ich gerade.
Was das mit Beziehungen zu tun hat
Die innere Unruhe bleibt nicht beim Einzelnen. Sie färbt auf Beziehungen ab, oft unbemerkt. Wer im Hamsterrad steckt, ist emotional schwer verfügbar – nicht, weil das Interesse fehlt, sondern weil die Kapazität fehlt. Man funktioniert, aber man zeigt sich nicht. Die andere Person spürt eine Distanz, die sich nicht klar benennen lässt, und reagiert ihrerseits mit Unsicherheit.
Junge sieht darin eine doppelte Aufgabe. Wer sich selbst nicht wahrnimmt, kann auch in Beziehungen nicht klar kommunizieren, was er braucht. Selbstoffenbarung – der schlichte Satz, dass man sich gerade unsicher fühlt – sei dabei kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Beziehungsangebot. Es macht eine Begegnung möglich, die ohne diese Offenheit nicht stattfinden könnte.
Ich bin okay mit meiner Unsicherheit, anstatt zu sagen, ich bin total safe, alles cool. Nichts ist cool, gerade nicht, wenn wir uns auf eine Person einlassen, die uns verletzen könnte.
Daraus folgt für Junge auch eine Skepsis gegenüber dem Bild der reibungslosen Partnerschaft. Sich auf einen anderen Menschen einzulassen, sei Arbeit, gerade weil es Verletzlichkeit verlangt. Gemeinsame Rituale – ein Tee am Abend, drei Minuten Stille am Morgen, ein bewusster Tagesabschluss – wirken in dieser Logik weniger wie romantische Gesten als wie kleine, regelmäßige Verankerungen. Sie schaffen Räume, in denen das Tempo der Außenwelt für einen Moment nicht zählt.
Zum Weiterhören
In der aktuellen Folge von Alles okay spricht Daniel Fürg mit Miriam Junge über ihren dreistufigen Ansatz aus dem Hörbuch Aufräumcoaching für den Kopf – Wahrnehmen, Wissen, Tun – und darüber, warum kleine Schritte mehr verändern als große Vorsätze. Das Gespräch verbindet psychologische Einordnung mit konkreten Tools für den Alltag und endet bei der Frage, wie man in einer rastlosen Welt überhaupt noch in Beziehung treten kann.
