8. April. Der Vertrag mit der Allmende-Initiative ist unterschrieben, die Schlüsselübergabe steht. Sechs Quadratmeter, Beet 47, am südlichen Rand des Tempelhofer Feldes. 72 Euro für die Saison. Die Erde ist gefroren, die Beete leer, der Wind beißend. Ich verstehe noch nicht, warum das Glück sich anfühlt wie eine kleine Verwaltungspflicht.

16. April. Erstes Säen: Möhren, Mangold, Radieschen. Der Boden ist sauer, sagt Khaled, der Beet 46 hat. „Du brauchst Kalk, sonst kannst du das mit den Möhren vergessen.“ Khaled gärtnert seit drei Jahren hier und scheint die Saison im Kalender zu haben wie andere Leute Geburtstage von entfernten Verwandten.

Mai: Die ersten Lehren

5. Mai. Es regnet seit drei Tagen. Die Mangold-Keimlinge stehen, klein und unsicher. Die Radieschen-Reihe ist verschwunden — irgendwer aus dem Tierreich hat sie sich geholt. Khaled lacht: „Schnecken. Die mögen Radieschen lieber als Salat.“ Ich lerne, dass das Verlieren-an-irgendwen ein zentraler Teil dieser Tätigkeit ist.

22. Mai. Die ersten Tomaten-Setzlinge gehen rein. Drei Sorten: San Marzano, Black Krim, eine alte deutsche Fleischtomate, deren Name ich nicht behalten habe. Ich frage mich, ob diese Vielfalt wirklich Sinn ergibt auf sechs Quadratmetern. Khaled sagt: „Du machst keinen Garten für Effizienz. Du machst ihn für die Geschichte, die du danach erzählen willst.“ Das ist der Satz, der mir die ganze Saison hindurch nachhallen wird.

Juni: Wachsen

10. Juni. Erste Tomaten-Blüten. Das Beet sieht jetzt nach Beet aus — nicht nach freier Erde mit Hoffnung. Mangold steht 30 Zentimeter hoch, die Möhren-Reihe ist gut sichtbar. Ich verbringe samstags vier Stunden hier. Ohne Telefon. Es ist die produktivste Form von Nichtproduktivität, die ich kenne.

Juli: Hitze

8. Juli. Hitzewelle. Die Erde ist staubig, ich gieße zweimal täglich. Khaled hat auf Mulch umgestellt — Stroh und Holzhäcksel. Ich frage, warum. „Weil der Boden sonst stirbt. Wir haben hier 35 Grad seit drei Wochen, das ist nicht mehr Berlin, das ist Sevilla.“ Wir reden ungefähr eine Stunde über Klima, ohne dass das Wort einmal fällt.

August: Ernte

15. August. Die ersten reifen San Marzanos. Sie schmecken nach nichts, was man im Supermarkt kaufen kann. Das ist kein Ehrgeiz-Satz, das ist eine sachliche Feststellung. Tomaten, die zwölf Stunden vor dem Essen geerntet wurden, sind ein anderes Lebensmittel als Tomaten, die zehn Tage durch Europa gereist sind.

September: Was bleibt

20. September. Mangold reicht für Pasta für sechs Personen. Möhren waren ein Rohrkrepierer, drei Stück insgesamt, krumm und kurz. Die Black-Krim-Tomaten waren eine Sensation, etwa zwei Kilo. Auf der Bilanz stehen 47 Stunden Arbeit und ungefähr 18 Euro an Setzlingen für etwa 30 Euro Marktwert an Gemüse. Ökonomisch ist das ein Verlust.

Aber Khalids Satz vom Mai stimmt. Ich habe keinen Garten gemacht für Effizienz. Ich habe ihn gemacht für eine andere Sache: für das langsame Wissen, dass eine Stadt nicht endet, wo der Asphalt aufhört.