Es ist halb zwei in der Frankfurter Allee, als die ersten Stimmen leiser werden. Drinnen, hinter der Glasscheibe von Sevims Späti, läuft ein Radio mit dem Volume so weit aufgedreht, dass man die Sprecherin kaum versteht. Sie redet über das Wetter morgen.
„Späti ist kein Kiosk“, sagt Sevim, während sie ein Sechserpack aus dem Regal nimmt. „Kiosk ist Bahnhof. Späti ist Wohnzimmer.“ Sie sagt das ohne Pathos, mit der Sicherheit von jemandem, der seit zwölf Jahren denselben Satz sagt. Dahinter, an der Scheibe, klebt ein DIN-A4-Zettel: „Letzte Bestellung 4:30.“
Die zweite Schicht der Stadt
Berlin hat etwa 1.200 Spätis, eine Zahl, die sich seit 2015 kaum verändert hat. Was sich verändert hat, ist das Klientel. Nicht mehr nur Bauarbeiter und Studenten, die nach 22 Uhr ein Bier wollen. Heute kommen Krankenhausschicht-Wechsler, Lieferfahrer, Sicherheitsleute. Menschen, die in Schichten leben, in denen die Supermärkte schließen.
Was sie suchen, ist mehr als ein Erfrischungsgetränk. Sie suchen einen Ort, an dem das Licht angeht, wenn überall sonst die Rollladen runter sind. Sevim kennt sie alle. „Den Lieferfahrer, der jeden Mittwoch um drei kommt — der heißt Volkan, hat zwei Kinder, fährt für Lieferando seit der Pandemie.“ Sie lacht. „Ich kenne sein Leben besser als seine Frau.“
Was verschwindet, wenn ein Späti schließt
Vergangenen Frühling schloss in Neukölln der Späti von Mehmet Aydın nach 31 Jahren. Die Miete war zuletzt auf 4.200 Euro im Monat gestiegen. Mehmet, 58, sagte in einem RBB-Interview, er habe das letzte halbe Jahr „nicht mehr für sich gearbeitet, sondern für den Vermieter“. Was zurückblieb, ist eine Lücke im Gehweg, vor der jetzt eine BMW-Niederlassung steht.
Die Stadt verändert sich nicht durch große Brüche. Sie verändert sich durch das stille Schließen von Tresen, an denen niemand mehr stand. Wer um zwei Uhr nachts ein Brot braucht, weiß: ein Laden weniger, der offen hat, ist ein Bezirk weniger, in dem man wohnen will.
Eine Stunde noch
Es ist halb vier, als der erste Vogel anfängt. Sevim packt das Wechselgeld aus, stellt die letzten Brötchen aus dem Backautomaten zur Seite. „Eine Stunde noch“, sagt sie, ohne dass jemand gefragt hätte. Draußen läuft jemand vorbei, sieht das Licht, kommt rein. Bestellt einen Kaffee. Sevim drückt den Knopf der Maschine. Es ist eine kleine, unauffällige Geste — aber für eine Stadt, die schläft, ist es alles.