Tag eins begann mit einer technischen Frage und einem überraschend politischen Gefühl: Wie deaktiviert man eigentlich Empfehlungen auf Spotify? Die Antwort: Es geht nicht. Die Discovery-Funktionen sind in den Code so tief eingebaut, dass selbst die Premium-Einstellungen nur erlauben, sie unsichtbarer zu machen — nicht abzuschalten.
Mein Workaround: Ich höre nur noch Alben, die ich aktiv suche. Keine Discover-Weekly-Playlist. Keine Radio-Funktion. Keine „Daily Mix“-Vorschläge. Bei TikTok und Instagram noch radikaler: Apps gelöscht, der Browser-Zugang nur über die Suchfunktion, nie über den Feed.
Woche eins: Stille
Die erste Woche war ungewohnt still. Nicht akustisch — ich hörte ja noch Musik. Aber kognitiv. Was ich nicht mehr hatte, war das beständige Hintergrund-Rauschen von Empfehlungen, die mir die Plattformen vorlegten. Ich merkte erst nach drei Tagen, wie viele kleine Entscheidungen dieses Rauschen für mich getroffen hatte. Welcher Song nach welchem kommt. Welches Reel ich „zufällig“ sehe. Welcher TikTok meinen Mittag prägt.
Was an die Stelle dieses Rauschens trat, war: ich. Mein eigener Geschmack, mein eigener Wille. Ich musste aktiv entscheiden, was ich hören wollte. Das fiel mir, ehrlich gesagt, schwerer als gedacht. Mein Geschmack war müde. Er war es nicht gewöhnt, gefragt zu werden.
Woche zwei: Der eigene Geschmack
In Woche zwei begann ich, alte Alben wiederzuhören. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie da waren und keine Plattform mir etwas Neues vorschlug. Das Pulp-Album von 1995, das ich seit Jahren nicht aufgelegt hatte. Die Sigur-Rós-LP, die ich auf Vinyl besitze. Eine Bach-Einspielung, an die ich nur dachte, weil ich an einer Bibliothek vorbeiging.
Was passierte: Mein Geschmack wurde wieder ein eigener Raum, mit eigenem Gewicht. Empfohlene Musik ist wie zugesandtes Essen — nährend, aber nicht das, was man gekocht hätte. Selbst gewählte Musik schmeckt anders. Sie hat den Geruch der Entscheidung an sich.
Woche drei: Was wirklich fehlt
In Woche drei wurde mir klar, was Empfehlungs-Algorithmen mir wirklich gegeben hatten. Nicht Geschmack, nicht Entdeckung, nicht Inspiration — sondern Geschwindigkeit. Sie waren der schnellste Weg zu „etwas Neuem“, auch wenn das Neue oft das Alte in leicht anderen Verpackungen war.
Was ich vermisste, war nicht der Algorithmus selbst. Es war die Mühelosigkeit. Ohne ihn musste ich wieder Aufwand investieren, um auf Neues zu stoßen — Buchhandlungen, Plattenläden, Empfehlungen von Freunden, gut kuratierte Newsletter. Das Netz hat all das nicht abgeschafft. Es hat sie nur unsichtbar gemacht.
Was bleibt
Drei Wochen sind kein Beweis für irgendetwas. Aber sie haben mir gezeigt, dass die Frage nicht ist, ob Algorithmen „gut“ oder „schlecht“ sind. Die Frage ist, wie viel von meinem Geschmack ich an sie delegiere — und ob ich diese Delegation noch als Wahl erlebe oder schon als Gewohnheit, die für mich entscheidet.
Spotify Discover ist heute wieder an. Aber ich höre eine Stunde am Tag mein eigenes Album. Es ist eine kleine Geste, aber sie hat ihren Platz.